Ist Hochsensibilität eine Chance oder eher eine Challenge? Gibt es hochsensible Menschen, kurz HSP (aus dem Englischen: highly sensitive person), wirklich? Ist Hochsensibilität nur Einbildung oder eine Modeerscheinung? Oder ist sie gar pathologisch? Spätestens wenn ich das Wort Hochsensibilität in eine Suchmaschine eingebe und bei bekannten Krankenkassen oder Fernsehsendungen aktuelle Beiträge dazu finde, weiß ich: dieses Thema ist in der Gesellschaft angekommen. Wunderbar.
Elaine Aron hat sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht. Ihr Buch The Highly Sensitive Person wurde in über 70 Sprachen übersetzt und schätzungsweise mehr als eine Million Mal verkauft. Als ich vor einigen Jahren im Zuge einer Recherche selbst über dieses Buch stolperte, war mir plötzlich klar: ach, so werden Menschen wie ich heutzutage genannt. Interessant.
Wenn du dich mit deiner Sensibilität sehr wohl fühlst, sie nie als herausfordernd erlebst oder Hochsensibilität für dich keinerlei Thema ist, darfst du diesen Blog Eintrag gerne überspringen. Solltest du jedoch zu jenen Menschen gehören, die diesen Wesenszug als Herausforderung erfahren, nehme ich dich gerne mit auf eine persönliche Introspektion. Ich teile mit dir, was mir auf meinem Weg und in der Begleitung hochsensibler Menschen hilfreich war – und bis heute ist. Solltest du mit hochsensiblen Menschen zusammen leben bzw. arbeiten und dich manchmal fragen, warum sie so "speziell" sind, lade ich dich ebenfalls ein diesen Beitrag zu lesen. Ich hoffe du wirst sie dadurch ein besser verstehen können.

Meine liebste Definition von Hochsensibilität ist folgende: das Nervensystem hochsensibler Menschen ist dafür angelegt, äußerst nuanciert wahrzunehmen. Man könnte auch sagen, die Wahrnehmungsschwelle ist verändert. Hochsensible Menschen reagieren auf Sinnesreize oft besonders empfindsam. Gerüche, Lichteindrücke, Geräusche oder haptische Wahrnehmungen werden intensiver wahrgenommen und verarbeitet. Hochsensibilität bedeutet ganz konkret: mehr Input, der „verdaut“ werden möchte.
Man geht davon aus, dass dieses stark empfängliche Nervensystem bei etwa 15–20 % der Menschen genetisch veranlagt ist. Doch was ist der Ursprung der Hochsensibilität? Darauf gibt es bislang keine abschließenden Antworten. Vieles liegt noch im Verborgenen.
Elaine N. Aron, eine Pionierin in der Erforschung der Hochsensibilität, formuliert es so:
„So viele Nervensysteme können nicht falsch, fehlerhaft oder genetisch defekt sein. Dieser Wesenszug muss also einen Zweck haben – zum Beispiel kommt es jeder Gruppe zugute, wenn eines ihrer Mitglieder Dinge bemerkt, die den anderen entgehen.“
Es gibt auch die Hypothese, dass eine erhöhte Sensibilität durch Traumatisierung ausgelöst werden kann. Dies kann ich aus meiner langjährigen Tätigkeit als Heilpraktikerin bestätigen. Da das Thema "Trauma" jedoch sehr komplex ist und den Rahmen dieses Artikels sprengt, würde ich das Thema Trauma gern an anderer Stelle wieder aufgreifen.
Für mich ist klar: Hochsensibilität ist Realität – vielleicht nicht für alle Menschen, aber doch für jeden fünften oder sechsten. Allein das ist Grund genug, genauer hinzuschauen.
In meiner Kindheit und Jugend wage ich zu bezweifeln, dass es den Begriff Hochsensibilität überhaupt gab. Auch während meiner Heilpraktiker-Ausbildung wurde dieses Thema nicht behandelt. Erst viele Jahre später, im Zuge einer Recherche, stieß ich auf das Buch von Elaine N. Aron – zu einem Zeitpunkt, als ich meine Sensibilität längst in mein Leben integriert hatte, privat wie beruflich.
Integration ist ein Schlüsselwort für hochsensible Menschen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich mich theoretisch erst dann intensiver mit Hochsensibilität befasste, nachdem ich mich praktisch im Alltag und auf alten Übungspfaden damit auseinandersetzen musste. Ich wusste nur, dass ich „anders ticke“. Im Laufe der Jahre lernte ich, dies anzunehmen, als Gabe wertzuschätzen und bewusst einzubringen. Die Pfade des Zen Buddhismus und die Praxis des Qi Gong und Yoga waren für mich wichtige Schlüssel in diesem Prozess der "Annahme". Achtsame Körpertherapie und Körperarbeit habe ich in der Integration ebenfalls als sehr unterstützend erfahren.
Grundsätzlich bin ich kein Fan von Schubladendenken. Hochsensibilität zeigt sich so individuell wie der Mensch selbst – ob sensibler oder weniger sensibel.
Für mich kristallisieren sich rückblickend drei zentrale Punkte heraus:
Hochsensibilität
Im Folgenden gehe ich auf wesentliche Aspekte dieser Integration ein. Ich betone ausdrücklich, dass ich hier nicht von erhöhter Sensibilität infolge von Traumatisierung spreche. In diesem Artikel widme ich mich ausschließlich einer angeborenen Hochsensibilität – so wie es bei mir der Fall war.
Ob als Heilpraktikerin in meiner Praxis, in der ich seit 2012 in Vollzeit arbeite, oder als Ausbilderin in unseren Qi-Gong- und Kräuterpädagogik-Ausbildungen: für die Integration der Hochsensibilität gibt es aus meiner Sicht einen zentralen Schlüssel. Und dieser klingt fast profan, ist für hochsensible Menschen jedoch überlebenswichtig – gerade in unserer reizüberfluteten Zeit.
Dieser Schlüssel heißt: Verkörperung.
Vielleicht schüttelst du nun den Kopf und denkst: ich habe doch einen Körper, also bin ich verkörpert. Ja – und nein. Verkörperung bedeutet für mich, ganz zu sein. "Ganz sein" heißt "heil sein", "whole" im Englischen. Und ganz können wir nur sein, wenn wir präsent sind – im Hinfallen ebenso wie im Aufstehen.
Präsenz bedeutet nicht, dass das Leben uns nicht mehr herausfordert. Im Gegenteil: präsent zu sein heißt, mit Klarheit und Bewusstheit am Tanz des Lebens teilzunehmen. Diese Präsenz wohnt im Körper, nicht außerhalb. Wir leben in dieser Präsenz ein ausgeprägtes sowie klares Körperbewusstsein, in dem Bewusstheit jede Zelle und Pore durchdringt. Diese Qualität fällt uns nicht einfach zu – sie will kultiviert werden. Die Grundlage dafür ist Achtsamkeit. Ohne Achtsamkeit keine Verkörperung. Gerade bei Hochsensiblen beobachte ich oft die Tendenz "abzuheben" bzw. die Flucht in energetisch-feinstoffliche Herangehensweisen. Warum ist das so? Aus dem einfachen Grund, dass die "Verkörperung" für viele Hochsensible eine größere Herausforderung ist als für viele andere Menschen. Durch die erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit nimmt man natürlich auch im und am Körper vielfältige Zeichen wahr, ein Hang zur Hypochondrie ist nicht selten. Daher möchten viele die körperlichen Aspekte gerne "umgehen" und sich gleich den "energetisch, feinstofflichen" Dingen zuwenden, zu denen sensible Menschen von Natur aus einen leichteren Zugang haben. Auch das gute Einfühlungsvermögen, die Empathiefähigkeit, führen gern zu einem "außer sich sein" - zu schnell verirrt man sich in anderen Menschen, weil man ein sehr feines Gespür für ihre Bedürfnisse und Emotionen hat. Für manche ist es auch eine ideale Flucht, die sich als "Altruismus" verkleidet, um sich mit seinen "Problemen" nicht auseinanderzusetzen. Da hilft nur Ehrlichkeit mit sich selber.
Für mich waren es vor allem Zen-Buddhismus, Qi Gong, Yoga, Shiatsu und ganzheitliche Körperarbeit, die mich auf dem Weg der Integration meiner Hochsensibilität begleitet haben – und es bis heute tun.
Weitere zentrale Aspekte der Integration sind Erdung, Zentrierung und eine gesunde Abgrenzungsfähigkeit. Zum Thema Zentrierung habe ich einen eigenen Blog-Eintrag erstellt in welchem es um die Stärkung unserer Mitte geht, im Japanischen "Hara" genannt. Du findest ihn HIER
Aus langjähriger Begleitung von (hoch)sensiblen Menschen sowie aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Abgrenzungsfähigkeit gerade im Alltag und Beruf oft die größte Herausforderung darstellt. Die Haut bildet unsere natürliche Grenze: sie schützt und ermöglicht zugleich Austausch. Achtsame Berührung – etwa im Shiatsu – war für mich ein entscheidender Erfahrungsraum, um meine Abgrenzungsfähigkeit zu stärken. Durch bewussten, respektvollen Kontakt wird die eigene Grenze unmittelbar spürbar. Daraus entsteht etwas Paradoxes und zugleich Heilsames: ich werde mir meiner Grenzen bewusst und erfahre mich gleichzeitig als grenzenloses Wesen. Beides gehört zusammen.
Zu einer gesunden Abgrenzungsfähigkeit gehören für mich:
Es gibt kein Patentrezept. Doch jedes Mal, wenn Grenzen verletzt werden – die eigenen oder die anderer – eröffnet sich die Chance zu lernen.

Das Leben bietet uns fortwährend Möglichkeiten zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Neuroplastizität nennt man das. In vielen ganzheitlichen Berufen und Lebenswegen ist Hochsensibilität nicht nur gefragt, sondern ein wertvolles Potenzial.
Indem ich mich intensiv auf den Prozess der Integration eingelassen habe, wurde ich zugleich feinfühliger und verkörperter. Es gibt noch viel zu entdecken, stelle ich immer wieder fest. Meine Devise lautet: Mache das Beste aus deinen Gaben und hinterlasse die Welt ein wenig geordneter, freudvoller und harmonischer, als du sie vorgefunden hast.
Dieser Prozess beginnt in uns selbst. In diesem Sinne wünsche ich dir, dass du deine dir gegebene Hochsensibilität als Gabe erkennst – nicht nur zum Wohle anderer, sondern auch zu deinem eigenen. Denn dein Wohl ist untrennbar mit dem Wohl der Wesen um dich herum verbunden.
Meine persönliche Film Empfehlung im englischen Original: "Sensitive - the untold story"