Im tantrischen Hinduismus, im tantrisch-buddhistischen Vajrayana und im Yoga werden meist sieben Chakren thematisiert. Diese Energiezentren werden entlang der Wirbelsäule lokalisiert und sind durch einen zentralen Kanal, den sogenannten Sushumna-Nadi, verbunden.
Unser Herz-Zentrum entspricht hier dem vierten Chakra, „Anahata“ genannt, was so viel bedeutet wie „unbeschädigt“ oder „nicht angeschlagen“. Dieses Chakra verkörpert das Tor zur Liebe – einer allumfassenden und bedingungslosen Liebe. Diese Liebe ist so stark, dass weder Dunkelheit noch irgendein Schmerz sie beschädigen kann. Es ist das ultimative Tor zur inneren Freiheit.
Die Herzenergie steht in vielen spirituellen und ganzheitlichen Übungswegen für Liebe, Mitgefühl, Verbundenheit und innere Balance.
Wenn dieses Energiezentrum in Disbalance ist, kann sich dies auf gegensätzliche Weise ausdrücken. Wer in der Naturheilkunde bewandert ist, weiß, dass Beschwerden auf allen Ebenen aus einem Mangel- oder Fülle-/Exzess-Zustand bzw. durch Stagnationen und Blockaden entstehen können.
Hinweise auf einen Exzess-Zustand im Herz-Chakra können sein: Co-Abhängigkeiten, ein schwach ausgeprägtes Gefühl für Grenzen, Eifersucht, Gefallsucht, das Bedürfnis, den Märtyrer zu spielen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Zirkulationsstörungen oder Brustdruck, Atembeschwerden sowie Schmerzen im oberen Rücken und in der Brust.
Hinweise auf einen Mangel-Zustand können sein: „antisoziales“ Verhalten, Verschlossenheit, Gefühle von Einsamkeit und Isolation, Mangel an Empathie, Angst vor Nähe, Atembeschwerden sowie Schmerzen im oberen Rücken und in der Brust. Es gibt Überschneidungen, wie man anhand der Auflistung gut sehen kann.
Wenn unser Herz-Zentrum in einem ausbalancierten Zustand ist, sind wir fürsorgliche, mitfühlende, einfühlsame und friedvolle Menschen, die in sich ruhen und wertschätzend und liebevoll mit sich umgehen – zumindest ist das der rote Faden in unserem Leben oder unser Lebensfundament.
Im Qi Gong, das eine Säule der chinesischen Medizin ist, werden vornehmlich drei Energiezentren, sogenannte „Dantian“, fokussiert: das untere, mittlere und obere Dantian. Der Begriff „Dantian“ stammt aus dem Daoismus und bedeutet „Zinnoberfeld“. Man sagt, dass Zinnober in China ein wichtiger Bestandteil alchemistischer Praktiken war.
Das untere Dantian entspricht unserem grobstofflicheren Kraftreservoir. Hier sammeln wir die Fülle der Energie. Sie ist unser energetisches Fundament und hat eine erdverbundene Qualität. Aus diesem Reservoir schöpfen wir in Winter- und Krisenzeiten; sie ist unsere Kornkammer. Wenn das untere Dantian ausbalanciert ist, sind wir geerdet und zentriert.
Das obere Dantian entspricht dem Zentrum der Intuition und der geistigen Sphäre und ist dem Himmel zugeordnet. Im Qi Gong heißt es so schön, dass der ganze Makrokosmos, das Universum, sich im Mikrokosmos, dem Menschen, widerspiegelt. So sind die Erde als Yin-Prinzip und der Himmel als Yang-Prinzip in unserem Sein manifest.
Das obere und das untere Dantian verkörpern diese polaren Kräfte in unserem menschlichen Sein. Analog zum Sushumna-Nadi spricht man vom „Chong Mai“, der die drei Zentren verbindet.
Das mittlere Dantian, unser Herz, schafft die Brücke zwischen beiden Polen. Das Herz verbindet und vereint. Wir betreten über das Herz das Reich jenseits von Dualität und Trennung.
Wenn wir Zugang zu diesem Zentrum haben und aus ihm heraus leben, das heißt mit dem Herzen hören, sehen, tasten und schmecken, entsteht ein natürliches Bedürfnis, dem Wohle aller zu dienen. Es ist nicht einmal ein Bedürfnis, sondern das Natürlichste auf der Welt.
Wir spüren sehr klar, dass unser Wohlergehen mit dem Wohlergehen aller zusammenhängt. Wir wechseln von einem Leben in Selbstsucht, Mangel und Trennung hin zu einem Leben in Verbundenheit und Fülle – zur Rückkehr zur Liebe, wie es Marianne Williamson in ihrem gleichnamigen Buch so wunderbar beschreibt.
Ganz gleich, welchem spirituellen Pfad wir folgen oder welchen ganzheitlichen Übungsweg wir beschreiten: Wenn wir diese Wege in ihrer Tiefe verstehen, treffen sie sich alle in ihrer Essenz – in einem Leben in Liebe, Verbundenheit und Autonomie.
„Mitgefühl ist nicht töricht. Es sorgt nicht einfach dafür, dass andere bekommen, was sie unbedingt haben wollen. Im Mitgefühl gibt es ein klares Ja, aber auch ein ebenso klares Nein, das vom selben Mut des Herzens getragen wird. Nein zu Missbrauch, Rassismus und Gewalt – auf individueller, aber auch globaler Ebene. Doch dieses Nein kommt nicht aus dem Gefühl des Hasses, sondern aus einer unerschütterlichen Fürsorge heraus.“
Jack Kornfield
Es gibt unzählige Übungen aus dem Qi Gong oder Yoga, um die Öffnung und Pflege des Herz-Zentrums zu unterstützen und die Herzenergie zu stärken. Es empfiehlt sich, in diesen Künsten unter fachkundiger Anleitung zu reisen, denn Lehrende, die diese Wege verkörpern, sind stets eine große Unterstützung und Inspiration für die eigene Praxis.
Ich möchte an dieser Stelle lieber einen kleinen Einblick in die Arbeit von Doc Childre geben. Das Verdienst von Doc Childre und seinem Team im HeartMath Institute ist, dass sie altes Wissen in eine moderne Sprache gepackt und somit vielen „modernen Menschen“ zugänglich gemacht haben, die sich von einem wissenschaftlichen Ansatz mehr angezogen fühlen. In den Niederlanden zum Beispiel wendet inzwischen sogar die Polizei das Wissen um die Kraft der Herzkohärenz in ihrer Arbeit an.
Für diejenigen, die bereits im Kontakt mit ihrem Herzen sind, kann diese Zusammenfassung allenfalls eine liebevolle Erinnerung sein – denn wir sind und bleiben alle auf dem Weg.
Nimm dir bei akutem Stress eine kleine Auszeit. Nimm die Vogelperspektive ein. Lasse Gedanken und Gefühle durch dich hindurchziehen wie Wolken am Himmel.
Lenke nun die Aufmerksamkeit zum Brustkorb. Spüre, wie der Atem durch das Herz einströmt und durch den Solarplexus, den Bereich zwischen Ende des Brustbeins und Nabel, wieder ausströmt.
Erinnere dich an ein positives, freudvolles Gefühl und/oder an eine zuversichtliche, positive Zeit in deinem Leben und erlebe mithilfe der Erinnerung dieses Gefühl bzw. diese Zeit noch einmal.
Wenn dieses freudvolle Gefühl präsent ist, frage dich, welche Haltung bzw. Handlung der nächste richtige und wichtige Schritt für dich sein könnte, um ins Gleichgewicht zu kommen und den Stress loszulassen.
Lausche auf die Antwort deines Herzens. Nimm jede Veränderung bewusst wahr. Manchmal ist die Antwort sehr klar, manchmal weniger. Bleibe gelassen im Lauschen; es gibt nichts zu erzwingen oder zu erreichen. Habe Geduld, wieder mit deinem Herzenskompass in Verbindung zu treten.
Beende die Übung, indem du beide Hände auf deinen Unterbauch legst, bewusst dreimal tief ein- und ausatmest und langsam die Augen öffnest.
Finde einen ruhigen Ort. Der Körper entspannt sich, die Augen sind geschlossen. Atme zunächst einige Male tief durch. Mit dem Einatmen nehmen wir frische Energie auf, ausatmend können wir alles Verbrauchte und Belastende abgeben.
Richte nun deine Aufmerksamkeit auf den Herzensraum. Stelle dir zunächst vor, wie du sanft in deinen Herzensraum atmest.
Erinnere dich an jemanden, für den du Liebe oder Anteilnahme empfindest – jemanden, bei dem es dir leichtfällt, dein Herz zu öffnen. Alternativ kannst du dich auch auf ein positives Gefühl wie Wertschätzung fokussieren.
Bleibe atmend fünf bis fünfzehn Minuten bei diesem Gefühl der Liebe, Anteilnahme oder Wertschätzung – so lange, wie es für dich stimmig ist. Falls die Gedanken dich wegtragen, kehre sanft zurück in den Herzensraum.
Stelle dir nun vor, wie dein Atem diese Liebe, Anteilnahme oder Wertschätzung zu jeder Zelle deines Körpers trägt. Falls die Energie zu intensiv wird oder sich ein Gefühl des Blockiertseins einstellt, lade Weichheit ein und entspanne dich mit dem Ausatmen noch ein wenig mehr.
Zum Abschluss lege die Hände auf den Unterbauch, atme zwei- bis dreimal tief durch und öffne langsam deine Augen.